Glasfaser und Gold: Der neue Big-Tech-Hofstaat

Der Neubau des Ballsaals im Weissen Haus ist mehr als ein Bauprojekt. Er ist die architektonische Manifestation einer neuen Machtverteilung, in der eine Tech-Aristokratie direkten Zugang zur Exekutive sucht – mit Auswirkungen auf die Demokratie. 

von Philipp do Canto

Es ist eine eigentümliche Konstellation, die sich am Potomac abzeichnet. Ein amtierender US-Präsident verwandelt das Weisse Haus in eine Art Versailles: Ein goldener Cherubim über der Tür ins Oval Office, vergoldete Urnen und Kronleuchter. Der historische East Wing wird abgerissen und zur Multimillionen-Baustelle für einen Ballsaal, der zu heftigen Kontroversen führt.

Die Washington Post konstatiert, dass Klassizismus und Barock nie bloss Stilrichtungen waren, sondern Manifestationen der Macht. Prunk als Herrschaftstechnik treibt auch das Projekt des riesigen Triumphbogens an, der beim Arlington Memorial entstehen soll. Imperiale Bauten passen zu Regierungsmethoden, die viele als demokratiefeindlich kritisieren.

Doch während ein «Arc de Trump» reiner Cäsarismus ist, dürfte es sich beim Ballsaal um politische Notwendigkeit handeln. Architektonische Grossmannsphantasien verblassen nämlich angesichts der faktischen Macht von Big Tech. Mit Gold kontrolliert man keine Gesellschaft, mit der Glasfaser hingegen schon. Die neue Tech-Aristokratie sass denn bei der Inauguration auch näher am Präsidenten als sein eigenes Kabinett. Big Tech kontrolliert keine Armeen, sondern die Aufmerksamkeitsökonomie, Datenflüsse, KI-Modelle, Zahlungssysteme und die Kommunikationsinfrastruktur. Forschende des britischen Thinktanks Demos dokumentieren, wie die Beherrschung der digitalen Strukturen – von der Hardware über die Plattformen bis zu den Algorithmen – heute einen stärkeren Machthebel darstellt als jedes Ministerium.

In seinem Werk «Schattenrisse der Macht» bezeichnet der im März 2026 verstorbene Intellektuelle Alexander Kluge die heutigen «Cäsaren der Digitalität» als Gründer weltumspannender Netze und unsichtbarer Imperien: «Das neue Erscheinungsbild der Macht beruht auf Partizipation bis in die Intimbereiche und die Lebenswelten der Menschen hinein. Sie besteht aus der vor digitalen Geräten verbrachten Lebenszeit und zugleich aus der organisatorischen Gewalt der Grossunternehmen, die das Netz für diese Partizipation zur Verfügung stellen (S. 450)».

Kluge schrieb das, bevor die KI-Firma Anthropic mit dem Modell Mythos vor massiven Sicherheitslücken in Wirtschaft und Verwaltung warnte und damit in eine höhere Sphäre des globalen Einflusses vorstiess (vgl. auch Diskussion von Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England).

Der Ballsaal als neue Hofgesellschaft?

Wer mit solchen Kategorien digitaler Schlagkraft konfrontiert wird, kommt vermutlich nicht umhin, den Staatsballsaal zu vergrössern. Was nämlich beide Machttypologien verbindet, ist ihre gegenseitige Abhängigkeit. Der Präsident braucht Technologie und Kapital, nicht nur für den konstanten Wahlkampf, sondern für seinen Regierungsbetrieb. Die Tech-Aristokraten brauchen den Präsidenten für regulatorisches Entgegenkommen und für Staatsaufträge, letztlich aber auch für die ideologische Legitimation einer postliberalen Ordnung, in der Effizienz wichtiger ist als Verfahrensbindung. Der US-Autor Jacob Silverman beschreibt diese Entwicklung in seinem kürzlich erschienenen Buch «Gilded Rage»: Es geht nicht mehr um Lobbying im Staatsapparat, sondern um ideologische Konvergenz.

Wer sich nur am barocken Pomp und der problematischen Privatfinanzierung stösst, übersieht die staatspolitische Dimension des neuen Ballsaals im Weissen Haus. Es entsteht dort buchstäblich eine neue staatliche Kammer neben der Gerichtsbarkeit und den Parlamentssälen des Kapitols. Anders als der Name suggeriert, dient der Neubau nicht nur für repräsentative Feierlichkeiten, sondern für informelle politische Weichenstellungen mit teilweise globalen Auswirkungen. Wer Zugang zum Ballsaal hat, partizipiert an der Machtverteilung innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Elite. Professoren der Harvard Kennedy School befassen sich in der Studie «Oligarchy in the open» eingehend mit dieser Dimension.

Der Ballsaal ist in dieser Lesart keine Extravaganz. Er ist vielmehr die architektonische Antwort auf eine tektonische Plattenverschiebung in der Politik: ein Raum, in dem eine neue Hofgesellschaft entsteht und die sich aus Milliardären, CEOs und Rüstungsunternehmen zusammensetzt. Sie hat den Präsidenten direkt in ihren Reihen, ohne den Umweg über den Kongress, dessen deliberative Verfahren für die Gesellschaft zu langsam, zu öffentlich und zu vielstimmig sind.

Trifft diese Optik zu, dann sind die Vergleiche mit dem Hofstaat von Versailles nicht am Haar herbeigezogen, selbst wenn die Eliten nicht im Weissen Haus leben. Bereits in der Hofgesellschaft des Ancien Régime war der Zugang die entscheidende Ressource, Prestige wurde über Nähe vermittelt und Einbindung in Machtrituale bedeutete Privileg und Kontrolle zugleich. Neu ist indes die heutige geballte Wirtschaftskraft der Unternehmen.

Marginalisierung des Souveräns

Aus demokratischer Perspektive beunruhigt der geringe Einfluss des Souveräns auf solche Entwicklungen. Diesem bleiben lediglich die institutionellen Korrektive, das sind Wahlen und Abgeordnete, die tatsächlich den Willen der Wählerschaft einbringen.

Der aktuelle US-Kongress zeichnet sich jedoch durch legislative Blockaden aus. Nicht einmal über Krieg und Frieden kann der Kongress abstimmen. Was unter Barack Obama begonnen hat, ist bei Donald Trump zur Tagesordnung geworden: Das Weisse Haus legiferiert per Dekret, ohne Mitwirkung des Kongresses am Volk vorbei. Der neue Ballsaal macht diese Asymmetrie zwischen unterrepräsentiertem Bürgertum (dem Souverän) und der hofierten Elite nun physisch sichtbar.

Was an dieser Entwicklung weit stärker irritiert als die Ästhetik, die Kosten oder die Planungsverstösse, ist die völlige Abwesenheit von Verfahrensregeln. In einer funktionierenden Republik gibt es Wege, auf denen wirtschaftliche Interessen in den politischen Prozess einfliessen, über Anhörungen, Vernehmlassungen, Konsens und Transparenz. Der Ballsaal bietet nichts davon. Was zählt, ist access – Zugang zum Machtzentrum.

Dass Gunst anstelle von Verfahren die Kriterien politischer Einflussnahme definiert, ist kein Vorteil für die Demokratie; das lehrt die Geschichte Europas. Die Höfe von Versailles, Wien, St. Petersburg funktionierten, solange der Konsens der Klassengesellschaft bestand. Als er brach, brachen die Systeme mit, jeweils mit schmerzhaften Folgen.

Ob die kommenden Midterm-Wahlen den Kongress wieder in die Lage versetzen, seine verfassungsmässige Rolle auszuüben, bleibt offen. Auch der Ballsaal muss selber zunächst noch fertig werden.

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Foto credit: McCrery Architects