Philipp do Canto wechselt das Schreibformat – ein Austrittsgespräch

Nach zehn Jahren tritt Philipp do Canto aus Public Sector Law aus. Er hat die Kanzlei 2016 gegründet und danach gemeinsam mit Esther Zysset und Anna Kuhn geführt. Bevor Philipp seine Sachen in die Kartonbox packt, haben sich Anna und Esther mit ihm auf ein letztes Gelato zusammengesetzt. Ein Austrittsgespräch, ausserhalb des Protokolls.

von Anna Kuhn, Esther Zysset, Philipp do Canto

Anna: Fangen wir beim Interessantesten an, Philipp: Wir müssen dich ziehen lassen, wohin geht es eigentlich? Ich stelle mir dich auf einem Segeltörn vor und abends liest du endlich die Dissertation von Esther fertig.

Philipp: Sagen wir es im KI-Sprech: Ein Segeltörn mit einer Diss im Seesack wäre nicht nur ein Abenteuer – er wäre auch eine grosse Bereicherung. Tatsache ist, ich kann gar nicht segeln. Und die preisgekrönte Walter-Hug-Diss von Esther harrt noch der vertieften Lektüre, Asche auf mein Haupt! Meine Zukunft wird tatsächlich mit Text zu tun haben, mit alten Büchern, Kontext und Wissen. Die Anwaltschaft teilt sich ja ein in Leute, die ständig am Telefon sind, andere, die stets im Flugzeug sitzen, und wieder andere, die schreiben. Ich gehöre zur Kategorie der Schreiberlinge und will herausfinden, warum das so ist. Ihr beide bespielt bekanntlich auch eine vierte Kategorie: Ihr gebt euer Wissen oft in Seminaren und Workshops weiter.

Esther: Stimmt. Seminare sind eine gute Plattform für den fachlichen Austausch und die Schärfung der eigenen Gedanken am Feedback der Teilnehmenden. Sie bilden auch ein menschliches Gegengewicht zur grossen Dokumentenlast in unsern Mandaten. Letztlich sind es die Menschen, die die (rechtliche) Komplexität der Gesellschaft verstehen und das Recht umsetzen müssen. A propos Dokumentenlast: ich stelle fest, dass du deine Einschreiben noch auf Papier einreichst.

Philipp: Ich prozessiere ziemlich old school. Weniger aus Altersgründen, sondern aus einem leisen Misstrauen gegenüber digitalen Abläufen. Dass gewisse Institute eine elektronische Signatur schlicht nicht akzeptieren und stattdessen ein Papier zum Signieren retournieren, unterläuft den digitalen Ansatz. Ich möchte in ein Fahrzeug sitzen, das auch richtig fährt. Mit Justitia 4.0 und den elektronischen Verwaltungsverfahren im Kanton ist dann aber Schluss mit Papier. Ihr seid jünger als ich. Seht ihr euch als Digital Natives und was macht das mit euch als Anwältinnen?

Anna: Auch als Digital Native bin ich zumindest privat kein Tech-Freak und verspüre teilweise eher den Drang zurück zum Analogen, z.B. entstehen Ferienfotos mit einer «neuen» uralten Minox. Im Berufsalltag beschäftigt mich die Digitalisierung aber non stop. Doch selbst ein Vollblut im Datenrecht stellt fest, dass die Praxis dem Recht davonrennt. Die KI-Konvention des Europarats, die KI-Regulierungspläne in der Schweiz, die DSG, das totalrevidierte Zürcher IDG und 26 Kantone, die nun herausfinden müssen, wie man algorithmische Entscheide kennzeichnet, während alle drei Wochen ein noch stärkeres Modell auf den Markt kommt. Aber diesen schnellen Wandel sind wir uns gewohnt und so bleiben wir wagemutig und hochkonzentriert bei der Sache. Hand aufs Herz Philipp, du ziehst die weisse Flagge vor der KI, die die Anwälte überflüssig zu machen droht.

Philipp: Au contraire, die KI wäre gerade ein Grund, um weiterzumachen. Die Arbeit ist unglaublich effizient geworden und irgendwie steht man ständig im Diskurs. KI hinterfragt mit soliden Verweisen auf die Praxis unsere grossen Gesetzeskommentare, die wir immer für unfehlbar hielten. Wenn ein Modell dir Fälle liefert, die für die Auslegung einer öffentlich-rechtlichen Bestimmung zentral, aber nicht im Kommentar aufgeführt sind, wird es spannend. Plötzlich wird man zum Entdecker.

Esther: Ha, siehst du, das klingt ja gar nicht so old school. Und wisst ihr was? Die grundlegenden Fragen bleiben bestehen. Wenn die US-Administration eine bereits veröffentlichte KI verbietet oder wenn der Bund die sozialen Medien regulieren will, stellen sich ziemlich delikate grundrechtliche Fragen, bei der auch die KI noch ein bisschen menschliche Unterstützung gebrauchen kann.

Philipp: Mein Lieblingssatz aus Annas KI-Lexomaten: KI findet «nicht im rechtsfreien Raum» statt. Das gilt für alles im öffentlichen Sektor. Deshalb will ich in der kommenden Zeit auch Fragen nachgehen, wo es im Getriebe noch klemmt. Einfach nicht mehr als Vertreter von Beschwerdeführenden, sondern als interessierter Beobachter. Den Staatsrechtler lässt das Thema Gerechtigkeit nie ganz los.

Anna: Mein Anliegen bleibt, dass die Digitalisierung, trotz Entwicklung in Lichtgeschwindigkeit, nicht auf Kosten der Grundrechte geht. Transparenz, Nichtdiskriminierung, eine saubere Rechtsgrundlage. Klingt altmodisch, ist aber brandaktuell.

Philipp: Ladies, lasst uns zum Schluss noch etwas gendern, schliesslich ist 2026. Ihr werdet nun zur reinen Frauenkanzlei, wenn der alte Weisse seinen Hut nimmt. Ich will es zwar nicht hören, aber vermutlich ändert das schon etwas.

Esther: So richtig alt und weiss bist du dann auch wieder nicht. Und wir würden dich auch als Partnerin behalten. Unsere Kanzlei basiert auf dem Prinzip der Kollegialität und des gegenseitigen Respekts. Wir werden unsere offene Denkweise und Diskussionskultur weiterführen, da spielt Gender keine besondere Rolle.

Philipp: Was bleibt, und was kommt neu?

Esther: Es bleibt das gemeinsame Faible für knifflige Fragen des Verwaltungsrechts und des Datenrechts. Es kommt noch mehr an der Schnittstelle Staat und Digitalisierung, weiterhin Seminare, Vorträge, Blogposts und so viel Networking, wie es im vollen Alltag möglich ist.

Anna: Und der KI-Lexomat bleibt eingeschaltet. Hinweise aus der Leserschaft weiterhin herzlich willkommen.

Philipp: Es klingt abgegriffen, aber ich übergebe wirklich in beste Hände. Es hat mich immer gefreut, zu sehen, wie es bei euch vorwärts geht. Eure Power hat etwas Ansteckendes. Ich bin gespannt, wie es an der Zypresse, wie wir unser Office nennen, weiter geht.

Anna: Tausend Dank für alles! Ich finde grossartig und mutig, was du vorhast. Und eventuell schreibst du ja einmal einen Gastbeitrag für uns im Detector – falls wir uns dich leisten können. Und wenn du aus unerklärlichen Gründen wieder in die Juristerei zurückwillst, weisst du ja, wo du uns findest.

Esther: Danke für alles, Philipp, wir werden dich vermissen und zumindest ich werde dich auch in Zukunft immer einmal anrufen, um mit dir die eine oder andere verfahrenstaktische Frage zu zerlegen und so weiterhin auf freundschaftlichem Wege von deiner grossen Erfahrung zu profitieren.

Image credit: Unbearbeitetes Android-Selfie von PdC

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