{"id":349441,"date":"2026-10-14T17:23:11","date_gmt":"2026-10-14T15:23:11","guid":{"rendered":"https:\/\/publicsector.ch\/?p=349441"},"modified":"2026-10-14T18:25:41","modified_gmt":"2026-10-14T16:25:41","slug":"salve-regina-intelligentiae-artificialis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publicsector.ch\/en\/salve-regina-intelligentiae-artificialis\/","title":{"rendered":"Salve Regina intelligentiae artificialis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unsere neue Kollegin Regina Weder ist nun seit bald f\u00fcnf Monaten bei Public Sector Law. H\u00f6chste Zeit, sie vorzustellen und im Rahmen eines Austauschs unter Arbeitskolleginnen auszufragen.<\/strong><\/p>\n<p>von <strong>Esther Zysset\/Regina Weder<\/strong><\/p>\n<h4><strong>Das Wichtigste zuerst, liebe Regina: Wie landet man vom Rechtsstudium in St. Gallen und preisgekr\u00f6nter Forschung bei Public Sector Law? <\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Mich hat schon immer interessiert, wie eine Gesellschaft organisiert wird. Damit war der erste Schritt klar: ab ins Rechtsstudium. Meine Wahl fiel deshalb auf die Universit\u00e4t St. Gallen, weil neben den juristischen Kernf\u00e4chern auch Geschichte, Philosophie und Technik auf dem Stundenplan standen, quasi ein Men\u00fc \u00e0 la carte f\u00fcr Neugierige. Beim \u00f6ffentlichen Recht war es dann rasch um mich geschehen: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sprechen die Idealistin in mir an. Im Master verband ich das mit neuen Technologien, danach ging es f\u00fcrs Doktorat nach Aarau ans Zentrum f\u00fcr Demokratie und an die Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Noch bevor generative KI zum Dauerthema an jedem Ap\u00e9ro und in jedem LinkedIn-Post wurde, hatte ich mir die Transparenzproblematik von Machine-Learning-Systemen im Verwaltungsverfahren vorgenommen. 360 Seiten und unz\u00e4hlige verworfene Kapitel sp\u00e4ter ist die Dissertation im Druck, und ich bin neuerdings bei Public Sector Law mit an Bord.<\/p>\n<h4><strong>Willkommen im Maschinenraum der Juristerei! Wir sch\u00e4tzen uns gl\u00fccklich, dich dabei zu haben. Nach Jahren in der Wissenschaft ist die Beratung bestimmt etwas ein Schock. Was sch\u00e4tzt du an der Arbeit hier?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Ich bereue den Wechsel nicht. In spannenden Mandaten kann ich mein Interesse f\u00fcr die rechtlichen Rahmenbedingungen des \u00f6ffentlichen Sektors vertiefen, vor allem im Kontext der Digitalisierung. Mir gef\u00e4llt es, dogmatische Pr\u00e4zision mit kreativem Denken zu verbinden, denn f\u00fcr gute L\u00f6sungen f\u00fcr unsere Klientschaft braucht es oftmals ungew\u00f6hnliche Ideen und auch etwas Pragmatismus. Mir gef\u00e4llt zudem die Kombination zwischen hohen qualitativen Anspr\u00fcchen und der sehr menschlichen Kultur, die ich bei Public Sector Law vorfinde*. Und dass ich meine wissenschaftliche Expertise zu KI ganz unmittelbar in die Beratung einbringen kann, ist das T\u00fcpfelchen auf dem i.<\/p>\n<p>[*Hinweis: Dieser Satz wurde m\u00f6glicherweise von der Marketing-Abteilung nachtr\u00e4glich eingef\u00fcgt. Wir werden es nie mit Sicherheit wissen.]<\/p>\n<h4><strong>Man sagt, eine Doktorarbeit sei eine Serie von Krisen mit Fussnoten. Gab es bei dir auch die existentiellen Zweifel? Und w\u00fcrdest du nochmals eine Dissertation schreiben?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Krisen und Zweifel geh\u00f6ren in einem gesunden Mass dazu, besonders bei interdisziplin\u00e4ren Themen, wo man sich st\u00e4ndig Gedanken zur Methodik machen muss und sich kaum auf bestehende Lehrmeinungen st\u00fctzen kann. Unangenehm sind solche Phasen unbestritten, aber auch erstaunlich produktiv: Sie zeigen einem, wann es Zeit ist, Annahmen zu hinterfragen, den Kurs zu korrigieren oder ausgetretene Pfade zu verlassen. Und manchmal muss man schlicht akzeptieren, dass die eigene Arbeit lose Enden hat. Das ist nicht tragisch, denn da k\u00f6nnen andere weiterforschen! Auf die H\u00f6hen und Tiefen dieses Prozesses w\u00fcrde ich auf keinen Fall verzichten, er hat mein Denken enorm weitergebracht. Also: Ja, jederzeit wieder.<\/p>\n<h4><strong>Dein Wissen hat uns in Mandaten schon mehrfach weitergebracht. Kannst du uns die Erkenntnisse in drei, oder ok, vielleicht f\u00fcnf, S\u00e4tzen auf den Punkt bringen?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Ich untersuche, welche Transparenzanforderungen das rechtliche Geh\u00f6r stellt, wenn Beh\u00f6rden Machine-Learning-Systeme im Verwaltungsverfahren einsetzen. Ich zeige auf, dass der Umsetzung der Transparenzfunktionen aktuell verschiedene Hindernisse im Weg stehen. Der Rechtsrahmen ist nicht auf die technische Komplexit\u00e4t dieser Systeme ausgerichtet und vernachl\u00e4ssigt ihre Entstehungsbedingungen, also Fragen im Zusammenhang mit Trainingsdaten, Modellentwicklung und Designentscheidungen. Dabei entstehen genau dort viele Fehlerquellen und Diskriminierungsrisiken. Darauf aufbauend entwickle und pr\u00fcfe ich Reformans\u00e4tze: Transparenzrechte auch f\u00fcr Trainingsdaten und Designentscheidungen, eine algorithmische Aufsichtsbeh\u00f6rde oder technische Sicherungsmechanismen.<\/p>\n<h4><strong>M\u00fcssen wir also an KI-gest\u00fctzte Entscheide im Endeffekt h\u00f6here Anforderungen stellen als an menschliche?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Im Gegenteil! Ich pl\u00e4diere nicht f\u00fcr erh\u00f6hte, sondern f\u00fcr sachgerechte Transparenzanforderungen, die den Besonderheiten der Machine-Learning-Verfahren, vor allem in der inhaltlichen Steuerung sowie den dort spezifischen Fehlerquellen, Rechnung tragen. Auch menschliche Entscheidverfahren k\u00f6nnen \u00e4usserst intransparent und fehlerbehaftet sein. Genau darum kennen wir rechtsstaatliche Sicherungsmechanismen wie Transparenz und Rechtsschutz. Die Herausforderung ist, diese Grunds\u00e4tze in der heutigen Zeit so weiterzuentwickeln, dass sie auch bei maschinell unterst\u00fctzten Verfahren wirksam greifen.<\/p>\n<h4><strong>Du hast im Gymnasium das Schwerpunktfach Latein belegt, was mich (Esther) schwer beeindruckt. Kannst du uns eine kleine abschliessende Botschaft auf Latein hinterlassen, um dieses Interview so richtig grandios zu beenden?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Regina:<\/strong> Feliciter hodie intellegentia artificialis exstat; alioquin in hac quaestione defecissem. Feliciter autem tum nondum exstabat; alioquin fortasse numquam linguam Latinam didicissem.<\/p>\n<p>[Zum Gl\u00fcck gibt es heute K\u00fcnstliche Intelligenz, sonst w\u00e4re ich an dieser Frage gescheitert. Zum Gl\u00fcck gab es damals noch keine K\u00fcnstliche Intelligenz, sonst h\u00e4tte ich wohl nie effektiv Latein gelernt.]<\/p>\n<p>Die Dissertation von Regina Weder, Transparenz von Machine-Learning-basierten Verwaltungsverfahren, Anforderungen und Hindernisse, wird voraussichtlich ab Ende 2026 open access online sowie in jeder guten Buchhandlung erh\u00e4ltlich sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Blogposts direkt in die Inbox erhalten? <a href=\"https:\/\/web.swissnewsletter.ch\/e\/8701c9de30ebc427\/de\/form\/ec3745ce-01ea-47b1-b7bc-e83ee5822084.html\">HIER<\/a> k\u00f6nnen Sie sich f\u00fcr unseren Newsletter anmelden.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Bild: zur Verf\u00fcgung gestellt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere neue Kollegin Regina Weder ist nun seit bald f\u00fcnf Monaten bei Public Sector Law. 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