{"id":349179,"date":"2026-05-07T04:35:10","date_gmt":"2026-05-07T04:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/publicsector.ch\/?p=349179"},"modified":"2026-05-07T07:39:55","modified_gmt":"2026-05-07T07:39:55","slug":"glasfaser-und-gold-der-neue-big-tech-hofstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publicsector.ch\/en\/glasfaser-und-gold-der-neue-big-tech-hofstaat\/","title":{"rendered":"Glasfaser und Gold: Der neue Big-Tech-Hofstaat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Neubau des Ballsaals im Weissen Haus ist mehr als ein Bauprojekt. Er ist die architektonische Manifestation einer neuen Machtverteilung, in der eine Tech-Aristokratie direkten Zugang zur Exekutive sucht \u2013 mit Auswirkungen auf die Demokratie.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/publicsector.ch\/en\/team\/philipp-do-canto\/\"><strong>Philipp do Canto<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Es ist eine eigent\u00fcmliche Konstellation, die sich am Potomac abzeichnet. Ein amtierender US-Pr\u00e4sident verwandelt das Weisse Haus in eine Art Versailles: Ein goldener Cherubim \u00fcber der T\u00fcr ins Oval Office, vergoldete Urnen und Kronleuchter. Der historische East Wing wird abgerissen und zur Multimillionen-Baustelle f\u00fcr einen Ballsaal, der zu heftigen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/11\/29\/us\/politics\/trump-white-house-ballroom.html\">Kontroversen<\/a> f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Washington Post konstatiert, dass Klassizismus und Barock nie bloss Stilrichtungen waren, sondern Manifestationen der Macht. Prunk als Herrschaftstechnik treibt auch das Projekt des riesigen Triumphbogens an, der beim Arlington Memorial entstehen soll. Imperiale Bauten passen zu Regierungsmethoden, die viele als demokratiefeindlich kritisieren.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend ein \u00abArc de Trump\u00bb reiner C\u00e4sarismus ist, d\u00fcrfte es sich beim Ballsaal um politische Notwendigkeit handeln. Architektonische Grossmannsphantasien verblassen n\u00e4mlich angesichts der faktischen Macht von Big Tech. Mit Gold kontrolliert man keine Gesellschaft, mit der Glasfaser hingegen schon. Die neue Tech-Aristokratie sass denn bei der Inauguration auch n\u00e4her am Pr\u00e4sidenten als sein eigenes Kabinett. Big Tech kontrolliert keine Armeen, sondern die Aufmerksamkeits\u00f6konomie, Datenfl\u00fcsse, KI-Modelle, Zahlungssysteme und die Kommunikationsinfrastruktur. Forschende des britischen <a href=\"https:\/\/www.techpolicy.press\/tech-oligarchy-imperils-democratic-information-flows\/\">Thinktanks Demos<\/a> dokumentieren, wie die Beherrschung der digitalen Strukturen \u2013 von der Hardware \u00fcber die Plattformen bis zu den Algorithmen \u2013 heute einen st\u00e4rkeren Machthebel darstellt als jedes Ministerium.<\/p>\n<p>In seinem Werk \u00ab<a href=\"https:\/\/www.spectorbooks.com\/de\/buch\/alexander-kluge-schattenrisse-der-macht\">Schattenrisse der Macht<\/a>\u00bb bezeichnet der im M\u00e4rz 2026 verstorbene Intellektuelle Alexander Kluge die heutigen \u00abC\u00e4saren der Digitalit\u00e4t\u00bb als Gr\u00fcnder weltumspannender Netze und unsichtbarer Imperien: \u00abDas neue Erscheinungsbild der Macht beruht auf Partizipation bis in die Intimbereiche und die Lebenswelten der Menschen hinein. Sie besteht aus der vor digitalen Ger\u00e4ten verbrachten Lebenszeit und zugleich aus der organisatorischen Gewalt der Grossunternehmen, die das Netz f\u00fcr diese Partizipation zur Verf\u00fcgung stellen (S. 450)\u00bb.<\/p>\n<p>Kluge schrieb das, bevor die KI-Firma Anthropic mit dem <a href=\"https:\/\/www.anthropic.com\/glasswing\">Modell Mythos<\/a> vor massiven Sicherheitsl\u00fccken in Wirtschaft und Verwaltung warnte und damit in eine h\u00f6here Sph\u00e4re des globalen Einflusses vorstiess (vgl. auch <a href=\"https:\/\/youtu.be\/AuoudR34XhE?t=2785).\">Diskussion von Andrew Bailey<\/a>, Gouverneur der Bank of England).<\/p>\n<h4><strong>Der Ballsaal als neue Hofgesellschaft?<\/strong><\/h4>\n<p>Wer mit solchen Kategorien digitaler Schlagkraft konfrontiert wird, kommt vermutlich nicht umhin, den Staatsballsaal zu vergr\u00f6ssern. Was n\u00e4mlich beide Machttypologien verbindet, ist ihre gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit. Der Pr\u00e4sident braucht Technologie und Kapital, nicht nur f\u00fcr den konstanten Wahlkampf, sondern f\u00fcr seinen Regierungsbetrieb. Die Tech-Aristokraten brauchen den Pr\u00e4sidenten f\u00fcr regulatorisches Entgegenkommen und f\u00fcr Staatsauftr\u00e4ge, letztlich aber auch f\u00fcr die ideologische Legitimation einer postliberalen Ordnung, in der Effizienz wichtiger ist als Verfahrensbindung. Der <a href=\"https:\/\/paulkrugman.substack.com\/p\/gilded-rage-talking-with-jacob-silverman\">US-Autor Jacob Silverman<\/a> beschreibt diese Entwicklung in seinem k\u00fcrzlich erschienenen Buch \u00abGilded Rage\u00bb: Es geht nicht mehr um Lobbying im Staatsapparat, sondern um ideologische Konvergenz.<\/p>\n<p>Wer sich nur am barocken Pomp und der problematischen Privatfinanzierung st\u00f6sst, \u00fcbersieht die staatspolitische Dimension des neuen Ballsaals im Weissen Haus. Es entsteht dort buchst\u00e4blich eine neue staatliche Kammer neben der Gerichtsbarkeit und den Parlamentss\u00e4len des Kapitols. Anders als der Name suggeriert, dient der Neubau nicht nur f\u00fcr repr\u00e4sentative Feierlichkeiten, sondern f\u00fcr informelle politische Weichenstellungen mit teilweise globalen Auswirkungen. Wer Zugang zum Ballsaal hat, partizipiert an der Machtverteilung innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Elite. Professoren der Harvard Kennedy School befassen sich in der <a href=\"https:\/\/www.hks.harvard.edu\/faculty-research\/policycast\/oligarchy-open-what-happens-now-us-forced-confront-its-plutocracy\">Studie \u00abOligarchy in the open\u00bb<\/a> eingehend mit dieser Dimension.<\/p>\n<p>Der Ballsaal ist in dieser Lesart keine Extravaganz. Er ist vielmehr die architektonische Antwort auf eine tektonische Plattenverschiebung in der Politik: ein Raum, in dem eine neue Hofgesellschaft entsteht und die sich aus Milliard\u00e4ren, CEOs und R\u00fcstungsunternehmen zusammensetzt. Sie hat den Pr\u00e4sidenten direkt in ihren Reihen, ohne den <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/perspectives-on-politics\/article\/abs\/testing-theories-of-american-politics-elites-interest-groups-and-average-citizens\/62327F513959D0A304D4893B382B992B\">Umweg \u00fcber den Kongress<\/a>, dessen deliberative Verfahren f\u00fcr die Gesellschaft zu langsam, zu \u00f6ffentlich und zu vielstimmig sind.<\/p>\n<p>Trifft diese Optik zu, dann sind die <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.com\/politics\/politics-features\/trump-ballroom-dc-overhaul-betray-america-founding-values-1235556895\/\">Vergleiche mit dem Hofstaat von Versailles<\/a> nicht am Haar herbeigezogen, selbst wenn die Eliten nicht im Weissen Haus leben. Bereits in der Hofgesellschaft des Ancien R\u00e9gime war der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/die-hoefische-gesellschaft-ueber-die-einsamkeit-der-100.html\">Zugang die entscheidende Ressource<\/a>, Prestige wurde \u00fcber N\u00e4he vermittelt und Einbindung in Machtrituale bedeutete Privileg und Kontrolle zugleich. Neu ist indes die heutige geballte Wirtschaftskraft der Unternehmen.<\/p>\n<p><strong>Marginalisierung des Souver\u00e4ns<\/strong><\/p>\n<p>Aus demokratischer Perspektive beunruhigt der geringe Einfluss des Souver\u00e4ns auf solche Entwicklungen. Diesem bleiben lediglich die institutionellen Korrektive, das sind Wahlen und Abgeordnete, die tats\u00e4chlich den Willen der W\u00e4hlerschaft einbringen.<\/p>\n<p>Der aktuelle US-Kongress zeichnet sich jedoch durch legislative Blockaden aus. Nicht einmal \u00fcber Krieg und Frieden kann der Kongress abstimmen. Was unter Barack Obama begonnen hat, ist bei Donald Trump zur Tagesordnung geworden: Das Weisse Haus legiferiert per Dekret, ohne Mitwirkung des Kongresses am Volk vorbei. Der neue Ballsaal macht diese Asymmetrie zwischen unterrepr\u00e4sentiertem B\u00fcrgertum (dem Souver\u00e4n) und der hofierten Elite nun physisch sichtbar.<\/p>\n<p>Was an dieser Entwicklung weit st\u00e4rker irritiert als die \u00c4sthetik, die Kosten oder die Planungsverst\u00f6sse, ist die v\u00f6llige Abwesenheit von Verfahrensregeln. In einer funktionierenden Republik gibt es Wege, auf denen wirtschaftliche Interessen in den politischen Prozess einfliessen, \u00fcber Anh\u00f6rungen, Vernehmlassungen, Konsens und Transparenz. Der Ballsaal bietet nichts davon. Was z\u00e4hlt, ist <em>access<\/em> \u2013 Zugang zum Machtzentrum.<\/p>\n<p>Dass Gunst anstelle von Verfahren die Kriterien politischer Einflussnahme definiert, ist kein Vorteil f\u00fcr die Demokratie; das lehrt die Geschichte Europas. Die H\u00f6fe von Versailles, Wien, St. Petersburg funktionierten, solange der Konsens der Klassengesellschaft bestand. Als er brach, brachen die Systeme mit, jeweils mit schmerzhaften Folgen.<\/p>\n<p>Ob die kommenden Midterm-Wahlen den Kongress wieder in die Lage versetzen, seine verfassungsm\u00e4ssige Rolle auszu\u00fcben, bleibt offen. Auch der Ballsaal muss selber zun\u00e4chst noch fertig werden.<\/p>\n<p><em>Blogposts direkt in die Inbox erhalten? <a href=\"https:\/\/web.swissnewsletter.ch\/e\/8701c9de30ebc427\/de\/form\/ec3745ce-01ea-47b1-b7bc-e83ee5822084.html\">HIER<\/a> k\u00f6nnen Sie sich f\u00fcr unseren Newsletter anmelden.<\/em><\/p>\n<p><em>Foto credit: <\/em>McCrery Architects<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Neubau des Ballsaals im Weissen Haus ist mehr als ein Bauprojekt. 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