{"id":349169,"date":"2026-05-06T19:38:43","date_gmt":"2026-05-06T19:38:43","guid":{"rendered":"https:\/\/publicsector.ch\/?p=349169"},"modified":"2026-05-06T19:47:35","modified_gmt":"2026-05-06T19:47:35","slug":"like-share-shutdown-der-schweizer-versuch-einer-plattformregulierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publicsector.ch\/en\/like-share-shutdown-der-schweizer-versuch-einer-plattformregulierung\/","title":{"rendered":"Like, Share, Shutdown? Der Schweizer Versuch einer Plattformregulierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den USA sind unz\u00e4hlige Gerichtsverfahren gegen Social Media-Anbieterinnen h\u00e4ngig. Google und Meta wurden j\u00fcngst verurteilt infolge mangelhaftem Kinder- und Jugendschutz. In der Schweiz ist aktuell nicht die Justiz, sondern der Gesetzgeber mit der Regulierung von Plattformen besch\u00e4ftigt. Dieser Beitrag skizziert den Inhalt des Gesetzesentwurfs und wie Politik und Gesellschaft diesen beurteilen.<\/strong><\/p>\n<p>von <strong>Anna Kuhn<\/strong><\/p>\n<p>Zu wenig Kindesschutz und kaum Schutz vor Suchtrisiken: Zu diesem Verdikt kamen k\u00fcrzlich zwei Geschworenengerichte in Bezug auf die Tech-Konzerne Meta und Alphabet.<\/p>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/nmdoj.gov\/press-release\/new-mexico-department-of-justice-wins-landmark-verdict-against-meta\/\">Geschworenengericht New Mexico<\/a> kam in Bezug auf Meta, zu dem Facebook, WhatsApp und Instagram geh\u00f6ren) zum Schluss, dass der Konzern die Nutzerinnen und Nutzer \u00fcber die Sicherheit der digitalen Plattformen t\u00e4usche und wissentlich die psychische Gesundheit von Kindern sch\u00e4digte, z.B. indem Meta die Gefahren sexueller Ausbeutung auf seinen Plattformen verheimlicht habe. Das Gericht sah darin einen Verstoss gegen das Verbraucherschutzgesetz.<\/p>\n<p>In einem weiteren Verfahren gegen Meta und die Google-Tochtergesellschaft YouTube machte eine junge Kl\u00e4gerin geltend, dass die Nutzung der Social Media Anwendungen bei ihr zu Depressionen, Angstzust\u00e4nden und St\u00f6rungen des Selbstbildes beitrugen. Das Geschworenengericht in Los Angeles urteilte in einem wegweisenden Entscheid, dass die Nutzerinnen und Nutzer von Social Media ungen\u00fcgend \u00fcber (bestehende) Suchtrisiken informiert werden (siehe BBC Report <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/c747x7gz249o\">hier<\/a>). Im Verfahren waren zun\u00e4chst auch Tiktok und Snapchat Beklagte, welche sich jedoch aussergerichtlich mit der Kl\u00e4gerin einigten.<\/p>\n<p>Die Gerichte verurteilten Meta und Alphabet zu Straf- und Schadenersatzzahlungen. Vorerst. Denn gegen beide Urteile legten die Tech-Unternehmen Berufung ein.<\/p>\n<p>Es sind aktuell viele weitere Klagen in den USA h\u00e4ngig, die das Suchtpotenzial von Social Media zum Gegenstand haben. Anders als in fr\u00fcheren Verfahren geht es nicht um den Inhalt der Posts, wof\u00fcr die Plattformen kaum haftbar gemacht werden k\u00f6nnen. Grund daf\u00fcr ist, dass die US-amerikanische Gesetzgebung die Betreiber von der Verantwortung f\u00fcr die Inhalte entbindet (konkret: Section 230 des Communications Decency Act). Die Kl\u00e4gerinnen und Kl\u00e4ger fokussieren in den h\u00e4ngigen Verfahren daher vielmehr auf das Design der Plattformen und damit das eigentliche Gesch\u00e4ftsmodell der Konzerne.<\/p>\n<h4>Plattformregulierung in der Schweiz<\/h4>\n<p>Angesichts der \u2013 nun gerichtlich erwiesenen \u2013 Gefahren bei der Nutzung von Social Media, stellt sich die Frage nach dem Umgang der Schweiz mit den jeweiligen Anbietern. In der Schweiz sind keine Gerichtsverfahren, jedoch ein neues Gesetz zur Regulierung von Plattformen h\u00e4ngig: Das Bundesgesetz \u00fcber Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (kurz: KomPG).<\/p>\n<p>Der Gesetzesentwurf verpflichtet sehr grosse Kommunikationsplattformen dazu, Nutzerinnen und Nutzern ein Verfahren zur Verf\u00fcgung zu stellen, um (vermutungsweise) rechtswidrige Inhalte niederschwellig melden zu k\u00f6nnen. Gemeldet werden k\u00f6nnen Beitr\u00e4ge, die u.a. folgende Tatbest\u00e4nde tangieren:<\/p>\n<ul>\n<li>Verleumdung (Art. 174 StGB)<\/li>\n<li>Beschimpfung (Art. 177 StGB)<\/li>\n<li>Diskriminierung und Aufruf zu Hass (Art. 261bis StGB)<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als sehr grosse Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen gelten Dienste, die monatlich durchschnittlich von 10% der st\u00e4ndigen Schweizer Wohnbev\u00f6lkerung genutzt werden (das w\u00e4ren aktuell rund 900&#8217;000 Nutzerinnen und Nutzer). Erfasst werden damit nur sehr grosse Dienste, deren Auswirkung in der \u00f6ffentlichen Debatte als systemisch erachtet wird. Das Gesetz ist daher nicht als grunds\u00e4tzliche Plattformregulierung zu sehen, sondern vielmehr als risikobasierte Regulierung.<\/p>\n<p>Folgende weitere Pflichten grosser Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen sind im Gesetzesentwurf verankert:<\/p>\n<ul>\n<li>Die L\u00f6schung von Inhalten sowie Kontensperrungen m\u00fcssen gegen\u00fcber den betroffenen Personen kommuniziert und begr\u00fcndet werden.<\/li>\n<li>Ein internes Beschwerdeverfahren muss bereitgestellt werden und im Falle von Streitigkeiten wird eine Mitwirkung zur aussergerichtlichen Streitbeilegung verlangt.<\/li>\n<li>Werbung oder sog. Empfehlungssysteme sind zu kennzeichnen.<\/li>\n<li>Bei Sitz im Ausland ist eine Rechtsvertretung in der Schweiz zu benennen zur Erleichterung der Rechtsdurchsetzung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr eine detailliertere Auseinandersetzung mit dem Gesetzesentwurf siehe <a href=\"https:\/\/cms.news.admin.ch\/dam\/de\/der-schweizerische-bundesrat\/JHS1l1GdjmSX\/Vorentwurf_DE.pdf\">hier<\/a>.<\/p>\n<h4>Von \u00abZensur\u00bb bis \u00abklar ungen\u00fcgend\u00bb<\/h4>\n<p>Nachdem der Bundesrat den Gesetzesentwurf Ende Oktober 2025 verabschiedete, hatten interessierte Kreise die M\u00f6glichkeit, bis am 16. Februar 2025 Stellung zu nehmen.<\/p>\n<p>Die Stellungnahmen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zum aktuellen Plattformgesetz gehen stark auseinander:<\/p>\n<ul>\n<li>Die SVP lehnt den Vorentwurf als <a href=\"https:\/\/www.svp.ch\/positionen\/vernehmlassungen\/neues-bundesgesetz-ueber-kommunikationsplattformen-und-suchmaschinen-kompg\/\">\u00abneues Zensurgesetz\u00bb<\/a> ab und erachtet die Regelungen als Angriff auf die Freiheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/die-mitte.ch\/die-mitte-fordert-wirksamen-schutz-fuer-kinder-und-jugendliche-auf-digitalen-plattformen\/\">Die Mitte<\/a> begr\u00fcsst das Gesetz im Grundsatz, fordert aber Nachbesserungen in Bezug auf den Schutz Minderj\u00e4hriger, die Transparenzpflichten und Krisenintervention bei Desinformatio.<\/li>\n<li>Laut den <a href=\"https:\/\/gruene.ch\/vernehmlassungen\/vernehmlassung-zum-vorentwurf-des-bundesgesetzes-ueber-kommunikationsplattformen-und-suchmaschinen-ve-kompg\">Gr\u00fcnen<\/a> der Gesetzesentwurf klar ungen\u00fcgend und man verlangt z.B. die Aufnahme eines Verbotes von personalisierter Werbung.<\/li>\n<li>Die <a href=\"https:\/\/www.sp-ps.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/2026-02-16-Vernehmlassungsantwort-der-SP-Schweiz_-KomPG.pdf\">SP<\/a> erachtet das Gesetz ebenfalls als ungen\u00fcgend und verlangt zus\u00e4tzlich eine vollst\u00e4ndige \u00dcbernahme der Plattformregulierung der EU, um damit das Haftungsprivileg grosser Plattformen zu kippen<\/li>\n<li>Der <a href=\"https:\/\/www.schweizermedien.ch\/aktuelles\/news\/news\/2026\/vsm-begruesst-plattformregulierung-und-fordert-weitere-schritte\/\">Verlegerverband Schweizer Medien (VSM)<\/a> erachtet eine Regulierung als notwendig, verlangt aber Nachbesserung z.B. hinsichtlich der Haftung f\u00fcr rechtswidrige Inhalte<\/li>\n<li>Kinder und Jugendorganisationen wie <a href=\"https:\/\/www.projuventute.ch\/de\/stiftung\/aktuelles\/medienmitteilungen\/vernehmlassung-plattformregulierung\">Pro Juventute <\/a>kritisieren den mangelhaften Schutz von Minderj\u00e4hrigen aufgrund der Gefahren wie Cybermobbing, Cybergrooming oder Desinformation. Weiter bef\u00fcrchten sie eine Schlechterstellung dieser Nutzergruppen gegen\u00fcber der EU, die mit dem Digital Services Act (DSA) \u00fcber eine restriktivere Plattformregulierung verf\u00fcgen.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/algorithmwatch.ch\/de\/vernehmlassung-kompg\/\">AlgorithmWatch Schweiz<\/a> erachtet eine Regulierung von Kommunikationsplattformen als zwingend, sieht den Jugendschutz aber ebenfalls als ungen\u00fcgend. Konkret fordern sie ein Verbot personalisierter Werbung f\u00fcr Minderj\u00e4hrige und die Ausweitung des Geltungsbereichs auf integrierte KI-Systeme.<\/li>\n<li>F\u00fcr den <a href=\"https:\/\/www.swico.ch\/de\/news\/detail\/plattformen-und-suchmaschinen-ja-zu-mehr-schutz-nein-zu-mehr-burokratie\">Branchenverband Swico<\/a> gehen die Neuerungen in der Tendenz zu weit und er sieht unn\u00f6tige B\u00fcrokratie auf die Betroffenen zukommen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, dass die Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf breit gef\u00e4chert sind: Vollumf\u00e4ngliche Ablehnung oder teilweise Zustimmung, da aber stets gepaart mit der Forderung nach mehr Schutzmassnahmen.<\/p>\n<p>Das zust\u00e4ndige Departement wird den Entwurf nun \u00fcberarbeiten und dem Parlament zur Debatte unterbreiten. Der Zeitplan ist noch nicht bekannt.<\/p>\n<h4>Weitere \u00dcberlegungen<\/h4>\n<p>Im Rahmen der Gerichtsentscheide in den USA wurde evident, dass die von Social Media-Plattformen ausgehenden Gefahren immens und real sind. Die Funktionsweise der Algorithmen und das sich daraus ergebende Suchtpotenzial tangieren den Schutz von Kindern und Jugendliche als besonders vulnerable Menschen stark. Daneben ist die Rolle von digitalen Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen als zentrale Player in der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung zu beachten. Die algorithmisch gesteuerte Platzierung von Content pr\u00e4gt das, was die Userinnen und User sehen.<br \/>\nDemgegen\u00fcber agieren die Akteure in der Schweiz derzeit weitgehend nach eigenen Regeln und ohne klare Vorgaben in Bezug auf Fairness, Transparenz, Moderation von Inhalten oder Rechtsdurchsetzung. Bestehendes Recht schafft nur bedingt Abhilfe, bspw. sieht das revidierte Datenschutzgesetz (DSG) Auskunfts- oder L\u00f6schrechte vor, wenn Personendaten bearbeitet werden.<\/p>\n<p>Die Schaffung einer eigenen Plattformregulierung wird f\u00fcr die Schweiz damit als essentiell erachtet. Der Fokus \u2013 \u00e4hnlich wie in den Gerichtsverfahren \u2013 auf die Funktionsweise der Plattformdienste und weniger auf die Kontrolle von Inhalten scheint dabei erfolgversprechend.<\/p>\n<p>Was das Gesetz bislang nicht adressiert, sind Verbindungen zu anderen Rechtsgrundlagen, so z.B. dem Urheberrechtsgesetz. Nicht gekl\u00e4rt ist bspw. die Frage, ob ein wirtschaftlicher Ausgleich gefordert ist, wenn Plattformen journalistische Inhalte f\u00fcr Headlines oder Snippets verwenden (anders dagegen adressiert dies die EU im Leistungsschutzrecht).<\/p>\n<p>Ein Shutdown bedeutet der Gesetzesentwurf f\u00fcr die sehr grossen Plattformen sicherlich nicht. Ob vielmehr verst\u00e4rkte Pflichten \u2013 wie vielfach gefordert \u2013 Eingang in eine \u00fcberarbeitete Version finden, wird sich zeigen. Wir bleiben dran!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Blogposts direkt in die Inbox erhalten? <a href=\"https:\/\/web.swissnewsletter.ch\/e\/8701c9de30ebc427\/de\/form\/ec3745ce-01ea-47b1-b7bc-e83ee5822084.html\">HIER<\/a> k\u00f6nnen Sie sich f\u00fcr unseren Newsletter anmelden.<\/em><\/p>\n<p><em>Foto credit: <span class=\"break-words tvm-parent-container\"><span dir=\"ltr\"><span class=\"_0e40a960 d9981ad5\" tabindex=\"-1\" data-testid=\"expandable-text-box\">Oleksandra Mukhachova &amp; The Bigger Picture<\/span> on <a class=\"SubfojZeMOTfJToTUaxMJjsVCyKMVY\" tabindex=\"0\" href=\"http:\/\/betterimagesofai.org\" target=\"_self\" data-test-app-aware-link=\"\">betterimagesofai.org<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA sind unz\u00e4hlige Gerichtsverfahren gegen Social Media-Anbieterinnen h\u00e4ngig. Google und Meta wurden j\u00fcngst verurteilt infolge mangelhaftem Kinder- und Jugendschutz. 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